Folgende, mit Anführungszeichen versehene Textauszüge stammen aus dem Buch „Das Rätsel Schizophrenie – Eine Krankheit wird entschlüsselt“, von Heinz Häfner, 3. Auflage: 2005, C.H. Beck Verlag
Im Mittelalter wurden psychisch Kranke im Europa zusammen mit Straffälligen und „nicht anderweitig versorgten pflegebedürftigen Personen“ in Zuchthäusern untergebracht. Im 19. Jahrhundert lebte ein Teil der Kranken „in Asylen höchst unterschiedlicher Qualität. Von jenen Kranken, die bei ihren meist bäuerlichen Großfamilien lebten, waren viele in Lebensalltag und Familiengemeinschaft integriert. Doch war auch das Gegenteil nicht selten: Kranke, die in verschmutzten stallähnlichen Verschlägen unter unwürdigen und unerträglichen Bedingungen gehalten wurden“.
„Im Zusammenhang mit Verstädterung und sozialem Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft kam es im 19. Jahrhundert darauf an, die Familien kostengünstig von der Versorgung ihrer kranken und behinderten Mitglieder zu entlasten“. Zahlreiche Klöster wurden durch den Staat zur Unterbringung dieser Personengruppen in Verwendung genommen. „Einmal konnte man so Familienleben und Gewissen von der stark belastenden Versorgung eines ‚Verrückten‘ entlasten (...), zum anderen boten die großen Landwirtschaften und Werkstätten der Klöster ideale Beschäftigungsmöglichkeiten für langfristig untergebrachte, arbeitsfähige Kranke“. Die meisten dieser Klöster „waren nicht mit Allgemeinkrankenhäusern verbunden. Das historische Geschehen begünstigte die Ansiedlung psychiatrischer Krankenhäuser außerhalb der Ballungszentren der Bevölkerung und getrennt von den Krankenhäusern aller übrigen medizinischen Disziplinen“.
Isolationstheorie
Viele Psychiater, darunter der Heidelberger Psychiater C.F.W. Roller, waren der Meinung, um psychisch Kranke zu heilen, müsste man sie von der Gesellschaft und normalen Lebensverhältnissen fernhalten und isolieren. Diese Idee wurde auch in die Praxis umgesetzt. „Das Scheitern der Isolationstheorie, die weitere Geschichte der psychiatrischen Pflegeanstalten und die leidvollen Schicksale jener Frauen und Männer, die dort zur Aufnahme kamen, spiegeln prominente Zitate wider, die nach Rollers programmatischen Sätzen von 1831 etwa ein Jahrhundert überbrücken:
„Es bereitete ungeheure Mühe, die durch chronische ISOLIERUNG völlig menschenfeindlichen, vertierten, mit Kot und Menstraulblut schmierenden, nackten, sträbenden Kranken an Ordnung im Wachsaal zu gewöhnen... Zum Teil mussten sie in Säcken ins Bad getragen werden“ (Willmanns 1929).
Sozialdarwinismus: Vorreiterrolle von England und USA
Das damalige Massenbewusstsein, welches sich in Biologismus und
Sozialdarwinismus widerspiegelte, hat den Weg für das nationalsozialistische Euthanasieprogramm geebnet. „Im Kontext der Darwinistischen Selektionslehre führte die Entdeckung, dass die intellektuelle Oberschicht geringe Kinderzahlen, die ungebildete Unterschicht jedoch hohe Reproduktionsraten aufwies, zur Phantasie, der `Volkskörper` würde durch überwiegende Weitergabe ungünstiger genetischer Ausstattung von Generation zu Generation mehr und mehr der Degeneration und Zunahme von Erbkrankheiten und anderen Degenartionsfolgen anheim fallen.“
„So entwickelte sich die breit gesteurte Überzeugung, die Befähigten und Begabten im Volke würden mehr und mehr von den genetisch Belasteten und `Minderwertigen` der Zahl nach überholt. (...) Unterstützt durch
Nietzsches Philosophie des Kampfes und der Stärke“ entstand die eugenische Bewegung in England, Amerika, Deutschland, Frankreich, Schweiz und den skandinavischen Ländern. „Der Begriff `
Eugenik` selbst geht auf den genialen britischen Statistiker
Francis Galton (1822-1911) zurück (...) Galton war ein Cousin von Charles Darwin. 1909 kam es vor diesem Hintergrund zur Gründung der `Eugenic Society` in London. 1910 richteten der Direktor des `Genetischen Laboratoriums` (USA) – aus dem später die Entdeckung der DNA-Doppelhelix durch die Nobelpreisträger Watson und Crick hervorging - , Charles B. Davenport, und Vizedirektor Harry P. Laughlin eine `Eugenics Research Station` ein. Sie sollte die Bevölkerungsentwicklung in den USA unter eugenischen Gesichtspunkten beobachten sowie die Fortpflanzung wertvoller Genträger aktiv befördern. So wurden `Eugenic Booths` auf der staatlichen Farmmesse 1920 eingerichtet mit dem Ziel, zur Züchtung begabter Nachkommen geeignete Familien zu vermitteln, ein klassischer Vorläufer von Himmlers `Lebensborn`-Bewegung.“
„Die pseudowissenschaftliche Ideologie und die Forderung solcher Eingriffe in die Freiheitsrechte der Bevölkerung breiteten sich als Bewegung zur Zwangssterilisierung über die ganz entwickelte Welt aus. Sie führte in mehr als 20 Ländern zu entsprechenden Gesetzen noch vor dem Zweiten Weltkrieg. Diese genetische Ideologie ging in die `völkische` Philosophie des Nationalsozialismus ein und trug zur geistigen Vorbereitung von Hitlers `eugenischen` Verbrechen im Zusammenhang mit seiner rassistischen Herrenmenschenideologie bei“.
Linke Unterstützer der radikal eugenischen Maßnahmen
„Die eugenische Bewegung nährte sich nicht nur aus der sozialdarwinistischen Idee einer Degeneration des Volkskörpers als Folge der Eingriffe der Kultur in dei natürliche Evolution des Menschen, sondern auch aus ökonomischen Argumenten, der steigenden Belastung der Volkswirtschaft durch die Kosten der Fürsorge für die `Degenerierten`, die `unnützen Esser` oder die `lebensunwerten leeren Menschenhülsen`, wie einige dieser unmenschlichen Bezeichnungen lautetetn. Eugenische Maßnahmen wurden deshalb immer radikaler gefordert. Psychiater und Neurologen, Juristen und Genetiker, politische Parteien – etwa die schwedische sozialistische Partei und einige SPD-Abgeordnete – und sogar humanitär denkende Sozialmediziner – etwa der Pionier der deutschen Sozialmedizin Alfred Grotjahn (1912) – wurden zu Verfechtern radikal eugenischer Maßnahmen.“
„Bis zum Ende des Dritten Reiches sollen insgesamt 360.000 Personen, im ersten Jahr, 1934, allein 46.000, die Hälfte davon Frauen, sterilisiert worden sein (...) Zigeuner, Juden and an Erbkrankheiten leidende Menschen sollten sich nach der nationalsozialistischen Rassen- und Herrenmenschenideologie in Deutschland nicht mehr fortpflanzen dürfen.“
Gesetze zur Zwangssterilisation in westlichen Ländern
„Wie unproblematisch dieser Eingriff in die persönliche Unversehrtheit der Kranken damals zu sein schien, wird daran deutlich, dass zahlreiche `Kulturstaaten` Gesetze zur
Zwangssterilisation psychisch Kranker und Behinderter erlassen und sie erst in jüngster Zeit für ungültig erklärt hatten. Der US-Bundesstaat Indiana hat 1907 die Zwangssterilisation eingeführt, bis 1913 war sie bereits in 12 US-Bundesstaaten in Kraft, 1927 bestätigte der Oberste Gerichtshof der USA die Rechtmäßigkeit der Zwangssterilisation, 1985 waren Gesetze zur Zwangssterilisation noch in 19 Staaten der USA gültig. Dänemark führte die Zwangssterilisation 1928 ein. Das schwedische Sterilisationsgesetz war wie das norwegische 1935 erlassen worden. Trotz der schlimmen deutschen Erfahrungen ist die Zwangssterilisation dort noch bis 1976 bei vielen tausend Menschen praktiziert worden.“
Der Massenmord an Geisteskranken im Dritten Reich
„Die Euthanasie wurde mit einem Propagandafeldzug gegen die `Minderwertigen` vorbereitet (...) Die Tötungsaktion, zunächst von etwa 75.000 Menschen, wurde sorgfältig geplant, ein eigenes Transportunternehmen gegründet. Tötungsanstalten wurden ausgewählt und eingerichtet – eine unvorstellbare Perversion der Aufgabe von Krankenhäusern. Alle psychiatrischen Krankenhäuser erhielten den Befehl, alle angeblich unheilbar psychisch Kranken, die unter den Führerbefehl fielen, auf Formblättern zu melden. Diese wurden von Professoren der Psychiatrie – neun hatten sich dazu hergegeben – und 39 anderen Ärzten gesichtet. Die Entscheidung über Leben und Tod fiel durch ein Kreuzchen auf dem Formblatt (...) Danach wurden die Kranken, die überwiegend an geistiger Behinderung und an
Schizophrenie litten, in die Tötungsanstalten verlegt und in Gaskammern getötet. Selbst kirchlich geleitete, religiös gebundene Behinderteneinrichtungen nahmen an der Aktion teil.“
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